Muschelseide

Muschelseide oder Byssus ist ein Gewebe, das anders als andere Seidenarten nicht aus den Kokons von Seidenspinnerraupen gewonnen wird, sondern aus einem Sekret, das verschiedene Muschelarten absondern. Am Fuß dieser Muscheln sitzen mehrere Drüsen, die unterschiedliche Proteide abgeben. Im Wasser härten diese zu Fäden aus, mit denen die Muscheln sich am Untergrund anhaften.

Gewinnung und Herstellung von Muschelseide

Als Byssos bezeichnet man historisch nur die Muschelseide, die aus den Fäden der im Mittelmeer beheimateten Steckmuschel Pinna nobilis gewonnen werden. Heute wird Muschelseide auch aus den Proteinfäden anderer Muschelarten gewonnen.

Die Steckmuschel Pinna nobilis

Steckmuscheln der Art Pinna nobilis kommen im Mittelmeer vor und werden bis zu einem Meter lang. Mit ihren Fäden haften sie sich an Seegras an, um in der Strömung nicht davon zu treiben. Die Fäden sind besonders reißfest, da sie unter Wasser große Kräfte aushalten müssen, und dennoch ausgesprochen fein, wodurch sie im Mittelalter zum begehrten Material für kostbare Mäntel und Gewänder wurden. Die Bergung war allerdings schwierig und aufwendig, für ein Kilogramm Muschelseide benötigte man allein 4.000 Muscheln. Entsprechend gilt Muschelseide als das kostbarste Gewebe der Welt.

Byssosfäden, die aus einem zähflüssigen Eiweißsekret bestehen, können bis zu 20 Zentimeter lang werden. Ihre Farbe variiert von Grün über Gelb bis hin zu verschiedenen Brauntönen.

Verarbeitung

Die Ernte der Muscheln war aufwendig, da die Gefahr bestand, die empfindlichen Meereslebewesen zu zerstören oder ohne Muschelseide an die Oberfläche zu bringen. Nach der Ernte wurden die Muscheln geöffnet, der Byssos entfernt und in einem milden Seifenbad gereinigt. Während des Trocknens wurde er leicht zwischen den Händen gerieben, um das Material weicher zu machen. Anschließend wurden die Fäden gekämmt und zur Muschelseide versponnen.

Geschichte der Muschelseide

Bekannt ist die Seide der Steckmuschel bereits seit der römischen Antike. Hauptgwinnungsgebiet war Sardinien, da die Muscheln vor der Küste der Insel besonders häufig vorkamen. Muschelseide war nur für klerikale Würdenträger und Adlige zu bezahlen, für das einfache Volk war sie unerschwinglich. Der Handel mit Muschelseide setzte sich bis ins Mittelalter fort, besonders florierte er in den Mittelmeerstaaten und bis nach Indien und Arabien.

Waren die Vorkommen der Steckmuschel bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch zahlreich, dezimierte sich die Zahl durch Raubbau extrem. Zu Mitte des 20. Jahrhunderts war die Muschelart beinahe ausgestorben; heute steht sie unter Naturschutz. Nur noch wenige Kleidungsstücke aus Muschelseide aus früheren Zeiten sind erhalten geblieben.

Heute wird Muschelseide nur noch auf der sardinischen Insel Sant Antioco verarbeitet. Die industrielle Fertigung des Gewebes fand in den 40er Jahren des 20. Jahrhunderts ihr Ende.

Eigenschaften

Byssos-Fäden besitzen eine vollkommen glatte Oberfläche ohne Schuppen, im Unterschied z.B. zu Haaren. Ihr Durchmesser beträgt zwischen 10 und 45 Mikrometer. Unter Wasser halten die Muschelfäden zwar großen Zugkräften aus, im trockenen Zustand sind die Fasern allerdings nur wenig reißfest. Hoch ist hingegen die Dehnbarkeit der Fäden: Ein Byssos-Faden kann rund um das Doppelte seiner Länge gedehnt werden.

Muschelseide ergibt ein extrem haltbares Gewebe, das einen sanften Goldschimmer besitzt und fast wie gesponnenes Gold wirkt.

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